SANDY BIRD "The second cry"
by Martin Makolies  
Written for and published on Smash-Mag.com

Machte man es sich einfach und folgte dem ersten lahmen Reflex, so würde man kurz Post-Rock ausrufen und mit der Sache hätte es sich. Und ja, im großen und ganzen geht das vielleicht auch in diese Richtung, auf „Second Cry“, der One-Track EP von Sandy Bird aus Berlin finden wir einen recht ruhigen Beginn, das Auflodern und Losbrechen in der Mitte und das Auspendeln zum Schluss.
 
Nun ist es aber so, dass man bereits einen entscheidenden Fehler begeht, wenn man „The Second Cry“ im großen und ganzen betrachten will, weil man das Wunderbare dazwischen verpassen würde, Sandy Bird strahlen nämlich zwischen den Zeilen. Das oben erwähnte Wunderbare äußerst sich auf „The Second Cry“ darin, dass Sandy Bird es nicht nötig haben, eine oberflächliche Homogenität zu erzeugen, in dem sie etwa Bruchstellen mit Keyboardflächen zukleistern oder ein Mehr an Intensität über ein stupides Auftürmen von Gitarrenwänden bewirken wollen. Vielmehr gehen Sandy Bird den beschwerlicheren aber deswegen auch kostbareren Weg: Veränderungen und Übergänge werden durch ein ständiges Spiel mit den Kernstrukturen bewirkt. Den einzelnen Instrumenten werden keine starren Rollen zugewiesen, vielmehr durchlebt jeder Klangkörper auf „The Second Cry“ seine eigene, kleine Reise. Jetzt ist es den ausgezeichneten, kompositorischen Fähigkeiten von Sandy Bird zu verdanken, dass die einzelnen Elemente immer wieder spannend miteinander kommunizieren, mal wird im Gleichschritt voran marschiert, an anderer Stelle träumt das Schlagzeug noch dem soeben Durchlebten hinterher, während Geige und Gitarre bereits in einen Streit darüber geraten sind, wer denn jetzt die Führung übernehmen soll. Und so kommt man von ganz allein auf das Große und Ganze zurück, der riesige Vorteil ist aber der, dass dies nicht auf Kosten der Identität der einzelnen Bestandteile passiert. Nehmen wir uns an dieser Stelle noch einmal die Muße, eine einzelne Stelle von „The Second Cry“ gesondert zu würdigen.

Denn das in Beziehung setzen der Instrumente findet auch auf stimmlicher Ebene seine wunderschöne Entsprechung, wenn Geigerin Vanessa mit stoischer, entrückter Ruhe von der armen Seele berichtet, die mit ihrem „Second Cry“ auf stürmischer See ihr Leben aushaucht um dann der trügerischen Ruhe unterhalb der Wasseroberfläche anheim zu fallen. So weit, so nett, was diesem Part aber seine Ausnahmestellung einräumt, ist der Umstand, dass sich im folgenden der Vorhang lüftet und der Hörer das soeben Geschilderte noch einmal aus nächster Nähe miterleben darf, Gitarrist Dennis presst mit angekratzter Stimme sein Wehklagen hervor, dass man sich aufs Schönste an die Erlöserepen von MeWhithoutYou erinnert fühlt, bevor die Wellen über ihm zusammenbrechen und er den Abstieg in die Tiefe antritt. Mal davon abgesehen, dass das alles musikalisch auf das Vortrefflichste umgesetzt worden ist, wird hier nebenbei auch noch das stilistische Mittel des Chors von der griechischen Tragödie in die zeitgenössische Rockmusik überführt. Wenn das mal nichts ist, meine Damen und Herren. Aber das nur nebenbei, denn was zählt ist, dass Sandy Bird mit nur einem langen Stück Musik einen eigenen kleinen Kosmos geschaffen haben, der gleichzeitig Geschichte, Bilderbuch und Weltreise in einem ist, wobei man das alles nicht mit einem mal erfassen kann, also: erst mal auf das Dazwischen achten, das Große und Ganze erschließt sich mit der Zeit.

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